Nordische Sagen und Götter

Wintersonnenwende – Zeitenwende?
Günther Gabke

,,Nun kommt hernieder, ihr schaffenden Kräfte
segnende Sonne, liebende Glut!
Nun kommt hernieder, ihr ewigen Mächte! –
Grüßen wir euch in der Weihe der Nächte,
grüßen wir euch in des Lichtes Flut!“

H. Ladewig

Nicht zufällig wendet sich dieses Wort in der Zeit der geweihten Nächte an die schaffenden, die helfenden Kräfte, sind sie uns – nach alter Überlieferung – in diesen Tagen doch besonders nahe. ,,Geweiht“, das bedeutet hier, durchflutet von den Strömen des Lebens, die aus den Daseinstiefen zu uns heraufkommen.

Alles Werden und Wirken findet seine Entsprechung in der gegenständlichen, seelischen und geistigen Daseinsebene, auf die auch das Dichterwort verweist. In der ersten ist es die Erde, die in ihrem Lauf um die Sonne in der Nacht vom 20. zum 21.12., der Wintersonnenwende, ihren tiefsten Stand erreicht. Es ist die längste und ,,dunkelste“ Nacht des Jahres. Von nun an steigt sie mit jeden kommenden Tag wieder höher hinauf. Seit alter Zeit ist sie uns äußeres Sinnbild, ja Trügerin des Lebens, das nun die gesamte NatUR wieder erfaßt und die dem Tode ähnliche Winterstarre vetreibt. In ihrem Lauf durch das Jahr wird sie so zum Bild des immerwährenden Werdens und Vergehens zum Neuenstehen alles Lebens.

Leben, das ist uns Licht, ist Geist, – Gott. Da verstehen wir, daß unsere Altvorderen, die dem natURhaften Leben aufs engste verbunden und dem jahreszeitbedingten Wechsel, der Härte des Winters auch, ausgeliefert waren, in der Nacht der Wintersonnenwende die Wiedergeburt jener segnenden und schaffenden Kräfte erkannten, die die Sonne in ihrem Lauf durch den Jahreskreis wieder erweckt und feierlich begrüßten. Die unserem Leben zugeeigneten Festtage sind denn auch alle in dem Jahreskreis eingebettet und makieren ganz bestimmte Fix- bzw. ,,Fest“-Punkte im Lauf der Sonne. Darin finden wir bestätigt: Die Beobachtung der waltenden Kräfte im ALL und die durch inneres Miterleben gewonnenen Erkenntnisse bestimmten das Leben unserer Vorfahren. Sie sind in unserem Wesen so

tief verwurzelt, daß vieles – so auch im Brauchtum- noch im Christentums (zwar gewandelt) fortgewirkt.

Unsere Ahnen wußten, in den Tagen der Wintersonnenwende kommen die göttlichen Mächte, die Erde und alle KreatUR neu zu beseelen, mit neuem Leben zu erfüllen. Deshalb geht nach der Überlieferung Gott Odin (verstanden als Od, die Lebenskraft in allen Wesenheiten) in Gestalt des ,,Knecht Ruprecht“, über die Erde und zieht durch die Wälder, – dem nicht nur mythologischen Sinnbild unserer Seelen. Er, Gott schenkt sich der Erde und den Menschen. In diesen Rhythmus kosmischen Lebens eingebunden, beschenken sie ihre Lieben und Nahestehenden.

Unsere Geistes- und Seelenart erhebt dieses Fest zum höchsten innerhalb des Jahreskreises und gibt der Wintersonnenwende die Besonderheit. Das Licht, das Leben und ,,Gott“ werden in der Zeit größter Dunkelheit geboren.. Ja, die Dunkelheit wird sogar als ,,Trägerin des Lichtes“ erkannt. Und sie wiederum gilt zugleich als Sinnbild aller Trübsal und Nöte, die über die Menschen hereinbrechen können. Doch in der Seele lebt die Gewißheit unserer ALLverbundenheit, in der wir gehalten und gefestigt sind. Hier wird die Hoffnung bezeugt, daß jedes Übel und Leid vergeht und einen neuen Anfang setzt.

Das sagt uns auch die Not – Rune, die Odin – so unsere Mythe – gegeben wurde. Wir erfahren oft, daß Menschen in Notzeiten sich vermehrt den Wesensgründen zuwenden. Darin finden wir ebenfalls bezeugt, daß in ihrem Innern etwas lebt, daß die Welt vom Geistigen durchwirkt weiß. Hier beginnt die in unerkannte Weiten und Tiefen reichende seelische und geistige Seite des Geschehens um die ,,geweihten Nächte“, die von unseren Altvorderen in innerer Schau erfaßt und in der Mythe so kraftvoll ausgestaltet wurde, daß sie bis in die Lebensgestaltung unserer Tage hineinreicht und noch heute den eigentlichen Inhalt der Festtage um die Wintersonnenwende bestimmt. Hier wirkt die Kraft der ,,segnenden Sonne liebenden Glut“.

Sie gibt uns die Gewißheit, daß die ewigen und Leben zeugenden Mächte auch die große ,,Winterzeit“ im Weltenjahr, die Fischezeit, überdauern und die Zeitenwende bringen. Die Menschheit hofft auf die Geburt des Lichtes, des ,,Gottes“ der heraufkommenden neuen Zeit. Der Ort der Gottesgeburt liegt dort, wo sie wahrgenommen wird, im Innern des Menschen. Diese Geburt bedeutet Erneuerung und Festigung der Gewißheit, das Göttliche in uns zu tragen, ja ein göttliches Wesen zu sein. Waren vor Jahrhunderten Geist und Seele nordischer Wesensart doch sogar in Dienern der Kirche noch lebendig. Mit vielen anderen schrieb darum auch Nicolaus von Cues:

,,,Homo, enim deus est, sed non absolute, quoniam homo; humanus est igiturdeus.“ (lat.) ,,Der Mensch ist nämlich Gott, allerdings nicht schlechthin, da er ja Mensch ist; er ist also ein menschlicher Gott.“

,,… Was einst zum Selbstverständlichsten unseres Mensch-seins gehörte, wurde uns durch die innere Bindung an einen uns fremden ,,Gott“ genommen. Das ist das ,,Dunkel“, das Gottentfremdete dieser Zeit. Doch des Menschen Seele ist ein großes Rätsel und nur erklärbar in der Verbundenheit mit dem Letzten und Einen. Sie trägt die Gewißheit der Überwindung aller Dunkelheit und des ewigen Seins und Werdens als ,,URwissen“ durch die Zeiten. Wie anders ist zu erklären, daß schon älteste Schriften davon zeugen! Die Edda berichtet in verschiedenen Liedern, so auch im ,,Hrafnagaldr“, von dem Untergang der Völker und der Götter, aber auch von dem Anbruch einer neuen Zeit. Und es fällt auf, daß sie hier ein dem Weihnachtsgeschehen verwandtes Bild wählt, die Dornrute des alten Himmelsriesen Tjassi.

,,Da erhebt sich im Osten der Eilbagar (URlichtströme)
des eiskalten Riesen eherner Dorn,
mit dem er im Schlafe die Menschen schlägt, um sie zu erwecken …“

Wir denken an den in Gestalt des Knecht Ruprecht zur Erde und zu den Menschen kommenden Odin. Er führt die Rute mit sich, die im winterlichen (Todes)-Schlaf liegende Sonne NatUR und das Göttliche im Innern aller Wesen wieder zu erwecken. Mit der Rute, so unsere Mythe, berührt er die Bäume des Waldes und trifft die Menschen an der Stirn, dem Sitz des dritten oder geistigen Auges und erweckt auch sie. Es sind auch die Menschen unserer Tage, die nicht mehr aus URdas Quell schöpfen und weder vom URsprung und Sinn des Lebens, noch von jenen ewigen Mächten wissen, die das Dasein tragen. Diese Rute ist Bild der Leben zeugenden Kraft. Sie und die Funktion des geistigen Auges, des sehenden Auges Odins, in der Stirnmitte gehören zum URwissen des nordischen Menschen. Sie ist uns auch aus dem antiken Griechenland überliefert.

Der junge Glaukos, Sohn des Minos, König von Kreta, stirbt als er in ein Honigfaß fällt und erstickt. Der Vater läßt den Weisen und Seher Polyeides rufen und verlangt von ihm, seinen Sohn wieder ins

Leben zurückzuholen. Da er das jedoch nicht kann, wird er gemeinsam mit dem Knaben ins Grab, in der Tiefe der Mutter Erde gelegt, – er lebend, der Knabe tot.

Polyeides beobachtet eine herbeikommende Schlange, die an den Honig nascht und ebenfalls stirbt. Es kommt eine zweite Schlange, die im Mund einen Zweig trägt und ihn auf dem Kopf der toten Schlange ablegt. Die Schlange bewegt sich und gewinnt ihr Leben zurück. Polyeides denkt, was der Schlange gelingt, wird auch bei den Sohn zum Erfolg führen, nimmt den Zweig und legt ihn über das dritte Auge auf die Stirn des Knaben. Auch der Junge kehrt ins Leben zurück, und beide werden befreit.

In der nordischen Mythe haftet der Schlange kein Böses an, Im Gegenteil, sie gilt als das der Mutter Erde nächststehende Wesen. Auch das dritte, das geistige Auge und die Funktion des Zweiges oder der Rute haben eine hohe Bedeutung. Neben vielen anderen Zeugnissen trägt unsere Seele im Bilde Odins (Knecht Ruprecht) und der Rute die Hoffnung auf die Wiedererweckung des wahrhaft Göttlichen im Innern des Einzelnen und des Volkes durch die Jahrhunderte. Doch die Dunkelheit und Trübnis dieser Zeit wollen als solche erkannt sein. Auch das Geschehen um die geweihten Nächte sagt uns, daß die Kraft der segnenden Sonne erst dann geboren wird und mit ihr das Licht, – der Gott der neuen Zeit.

So wieder erwacht, wird unser Volk die ihm eigene tiefe Religiosität nicht mehr an den ,,Gott“ eines fremden Volkes binden, sondern jenem Gott zuwenden, den wir in uns tragen; denn

,,Hier ist Seele und Gottheit EINS. Hier endlich hat sie gefunden, daß das Reich Gottes ist: sie selbst.“

Nun tut was die Väter
schon getan und zündet
die heiligen Lichter an.

Weih(e)nacht – Julzeit

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